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(1) Anmerkung der Redaktion: Sheila McLaughlin und Lynne Tillman, weitere Informationen hier: https://www.arsenal-berlin.de/edition/dvds/films-by-sheila-mclaughlin-lynne-tillman.html (letzter Abruf am 25. Mai 2021).

19. April 1984

(beantwortet am 26. Mai)

Liebe Cynthia,

ich habe heute Abend Deinen starken Film gesehen. Er ist eine erschütternde Anklage; eine, die mir seltsam vertraut erschien, die ich selbst – wenn auch hauptsächlich durch Deine Augen – bereits vor sieben Jahren als Elite-Gastarbeiterin zu spüren begann und die ich unmöglich auf irgendeine glaubwürdige Art und Weise in JOURNEYS FROM BERLIN hätte ausdrücken können. Ich denke ständig über Deinen Mut nach, über Deine Wut und Deine Position als Außenseiterin, als dauernde Außenseiterin, die den Film ausmachen. Ich bin sicher, dass es in Teilen die gleiche Wut war, die Meinhof zu ihren Taten bewegte, jedoch – zu ihrem Nachteil – auf eine unvollkommenere Weise. Denn sie kannte nichts anderes, kam nicht von anderswo. Es ist vergleichbar mit dem „Frau-sein“: Wenn wir nichts anderes kennen, laufen wir Gefahr, aus einer Position des Selbsthasses zu sprechen. Das schwächt unser Argument, unsere Überzeugungskraft, unsere Glaubwürdigkeit und unseren Verstand. Das gilt genauso für die jüngeren Deutschen. Es ist eine Sache, sich fremd zu fühlen. Etwas anderes ist es, tatsächlich eine Fremde zu sein.

Mein Gott, bin ich überwältigt von diesem Film. Und davon, dass Du ihn auf so umfassende Art und Weise hinbekommen hast; und von Deiner Präsenz im Film und von Dir und von den anderen Frauen, deren Arbeit mich im letzten Jahr beeindruckt hat: Lizzie Borden, Sheila und Lynne(1) und einige andere, deren Arbeiten Du vielleicht noch nicht gesehen hast: Leslie Thornton, Julie Dash. All diese Filme umgehen nicht nur mutig das Klischee der klassischen Kategorien, sondern auch den anzüglichen „Spektakularismus“ der Deutschen und den „diskreten Charme“ der britischen Intelligenzija. Es tut sich was, Mr. Jones, doch was, ist noch nicht klar.

Ich für meinen Teil komme in die Gänge und bin entschlossen THE MAN WHO ENVIED WOMEN bis zum Ende des Jahres fertigzustellen. Wie immer versuche ich zu viel in einem Drehbuch abzudecken, einschließlich solch zweifelhafte Dialektiken wie den in der Spielfilmkonvention typischen exklusiv männlichen Protagonisten auf der einen Seite und den im Dokumentarfilm beheimateten lokalen Aktivismus (Recht auf Abtreibung, Wohnungsnot, Anti-Reganismus) auf der anderen. Und das alles wird von einer weiblichen Off-Stimme verwoben (oder aufgeriffelt, je nach dem!), die anscheinend die Stimme der Ex-Frau des Mannes ist. Ich kann nicht mehr mit der weiblichen Präsenz umgehen. Sie wird die Dinge von der Tonspur aus leiten. Ziemlich viele leere Räume in diesem Streifen: Klassenzimmer, Kinos, Obdachlosenunterkünfte, Lofts vor und nach der Gentrifizierung.

Inzwischen bin ich in meinem fünfzigsten Lebensjahr angelangt und das spüre ich – ich bin nicht gerade begeistert davon, aber es gibt mir viel Stoff zum Nachdenken. Ich pfeife mir ab und an diesen Refrain vor, um mir falschen Mut zu machen: „Es sind nicht Ihre Krampfadern, sondern die Kultur, die stinkt.“ Eine Variation eines Deiner Sketche mit dem „schlechten Deutschen“.

Übrigens: Stammt diese Sache mit Hitler und der verlorenen deutschen Sprache von Dir? Das hat mich an Syberberg erinnert. Ich frage mich, ob Du mit seinen Prämissen in HITLER, EIN FILM AUS DEUTSCHLAND einverstanden wärst oder nicht.

20. April

Heute Morgen denke ich über die kuriose Positionierung von Deiner und Heinz’ Performances nach. Deine ist relativ konstant, während seine in Bewegung ist: vom „schlechten Deutschen“ über den hilfsbereiten Freund, zum Advocatus Diaboli und alle Schattierungen dazwischen. Ich werde mir den Film ganz sicher ein zweites Mal anschauen, wenn ich kann.

Ich habe Amy Taubin noch nicht gefragt, hoffe aber, dass die Kopie von BÖSE ZU SEIN … in den USA verbleiben wird. Ich würden den Film gerne ein paar Leuten zeigen, zum Beispiel Larry Kardish vom MoMA, Karen Cooper vom Film Forum und Wie-heißt-er-noch? vom Public Theater – falls sie ihn nicht schon gesehen haben. Lass mich wissen, ob ich behilflich sein kann.

Also: Glückwunsch! Jetzt verstehe ich die deprimierten Telefonate von vor einigen Monaten. Nach dem Hochgefühl kreativer Verausgabung wartet ein tiefes Loch, aus dem man sich erstmal wieder herauskämpfen muss. Verzeih mir meine Weitschweifigkeit.

Alles liebe,
Yvonne

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